Hinterher ist man immer klüger… oder nicht?

Bestimmte Regeln im Leben haben eine gewissen Allgemeingültigkeit und sollten immer angewandt werden, um einen vor mehr oder weniger unheilvollen Auswirkungen zu bewahren. Und dennoch – obwohl man diese Regeln (zum Teil schmerzhaft) spätestens im Teenageralter erlernt – neigen wir im Erwachsenenalter doch immer wieder dazu, aus Bequemlichkeit oder Arroganz deren Wichtigkeit zu vergessen und zu denken, dass es auch ohne geht. Vermutlich ist das Problem mit allgemeingültigen Regeln schlicht jenes, dass sie zu abstrakt formuliert sind, man immer eine Ja-ja-Mama-Haltung entwickelt, wenn es zu deren Anwendung kommt und, obwohl man sich nach dem mutwilligen Ignorieren schnell in der Mist-hätte-ich-mal-Lage wiederfindet, man in der nächsten Situation doch wieder genauso ignorant ans Werk gehen wird. Die Regel, deren Wichtigkeit ich erst vor einigen Tagen erst wieder schmerzlich erlernen musste ist: erst denken, dann handeln. Oder um es noch ein bisschen zu konkretisieren: erst lesen, dann denken, dann handeln.

Obgleich ich diese Regel kenne, habe ich dem Aktionismus den Vorzug gegeben und das Lesen zwar noch locker und hochmotiviert hinbekommen, das Denken dann aber geschickt übersprungen, um schnellstmöglich zum Handeln übergehen zu können. Und so fand ich mich in meiner Küche wieder, vor mir ein halbes Kilo Kirschtomaten, die gehäutet werden wollten. Ich bin ja kein Anfänger, habe ich mir beim Überfliegen des Rezeptes gedacht, als ich mich daran machen wollte, das herrlich leckere Tomatenkompott aus dem vergangenen Spanienurlaub nachzukochen. Tomaten häuten, kein Problem, ich kenne ja alle Tricks. Tatsächlich kenne ich den Trick, der es einem überhaupt erst ermöglicht, eine Tomate zu häuten. Die roten, saftigen Zeitgenossen hängen nämlich, im wahrsten Sinne des Wortes, sehr an Ihrem glänzenden Überzug. Die einzige Möglichkeit, ihnen die Trennung davon zu erleichtern ist, indem man sie ringsum mit einem scharfen Messer einmal längs, einmal quer einritzt, mit kochendem Wasser übergießt, kurz ziehen lässt und sich dann ans Werk macht.

Klingt einfach – ist es eigentlich auch. Wenn man nicht gerade ein halbes Kilogramm Kirschtomaten vor sich hat. Kirschtomaten werden nicht umsonst Kirschtomaten genannt – tatsächlich rührt die Namensgebung wohl eher von der mit Kirschen vergleichbaren Größe. Ein halbes Kilogramm oder auch 500 Gramm Kirschtomaten entsprechen bei einem Eigengewicht von 15 bis 20 Gramm also etwa 25 – 35 Stück, die es ringsherum und quer einzuritzen gilt, um sie anschließend alle einzeln häuten zu können. Wer mitgezählt hat, weiß nun, dass an jeder winzigen Kirschtomate vier Streifen Haut abzuziehen waren und mit jedem Stückchen abgezogener Haut mehr Fruchtfleisch freigelegt wurde. Dass das eine recht flutschige Angelegenheit werden kann, muss man niemandem erklären, der schonmal eine Tomate gegessen hat und die Konsistenz von Tomatenfruchtfleisch kennt.

Hinterher ist man immer klüger, würde der Ja-ja-Mama-Teil meines Gehirns mir sagen. Also wird es mir sicherlich nicht so schnell nochmal passieren, dass ich es meinem Tatendrang erlaube, den Denken-Teil einfach auszulassen und mich Hals-über-Kopf in ein Rezept stürze, dessen wahrer Arbeitsaufwand sich eben erst durch Denken erkennen lässt. Das Käsecracker Rezept vor einigen Wochen, bei dem 40 aus Kartoffelteig ausgestochene Dreiecke mit zwei verschiedenen, auf dieselbe Größe zugeschnittenen Käsestückchen belegt werden mussten, war ja auch etwas ganz anderes. Und dass es ein großes Rätsel sein könnte, wie man den Cantuccini Teig aus 500g Mehl und 500g Zucker, vermischt mit nur 4 Eiern zu einer Rolle formen soll, das hat ja auch nichts mit den Tomaten zu tun.

Dass man hinterher tatsächlich immer klüger ist, lässt sich also nicht als allgemeingültiges Ergebnis einer undurchdachten Aktion folgern. Manchmal hat man hinterher einfach nur Muskelkater in den Oberschenkeln vom Aufsammeln der Tomaten und eine Dekoration aus roten Tomatenhautfetzen in seiner Küche und ist immernoch genauso dumm wie vorher. Zumindest hatte ich hinterher aber zumindest ein leckeres Tomatenkompott.

Rezept: Tomatenkompott

  • 500g Kirschtomaten (ich empfehle die aus der Dose den frischen vorzuziehen)
  • 400g Gelierzucker
  • 1-2 (kleine) Gläser Wasser
  • evtl. Tomatenmark
  • Einmachgläser

Sofern frische Kirschtomaten verwendet werden, müssen die zuerst gehäutet werden. Anschließend in einen Topf geben. Bei der Verwendung von frischen Kirschtomaten müssen zwei Gläser Wasser und zusätzlich etwas Tomatenmark (nach Belieben) in den Topf zugegeben werden. Bei der Verwendung von Kirschtomaten aus der Dose, werden diese mitsamt Saft in den Topf gegeben und nur ein Glas Wasser zugegeben.

Die Tomaten aufkochen und etwa 20 Minuten köcheln lassen, bis sie weich werden. Eventuell noch Wasser zugeben, falls die Masse zu fest wird. Die Tomaten können nun, je nach gewünschter Stückigkeit, zerdrückt, püriert oder passiert werden.

Anschließend wieder aufkochen, den Gelierzucker zugeben und sprudelnd 5 Minuten lang kochen lassen. Dabei ständig kräftig rühren. Das Kompott noch heiß in die Einmachgläser füllen und sofort verschließen. Um die Konsistenz des Kompotts zu prüfen, kann ein Löffel voll auf einen kleinen Teller gegeben werden. Wird es beim Abkühlen klebrig und bildet kein Wasser außenrum, dann hat es die richtige Konsistenz.

Das Tomatenkompott kann entweder wie normale Konfitüre auf dem Brot gegessen werden oder als Dip für Käse (besonders lecker mit Ziegenkäse) verwendet werden.

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